David Lodge über Hören, Altern und Zugehörigkeit
David Lodge, der selbst unter zunehmender Schwerhörigkeit leidet, macht in „Wie bitte?“ das oft verschwiegenes Leiden zum Zentrum eines klugen, tragikomischen Romans. Im Mittelpunkt steht Desmond Bates, ein frühpensionierter Linguistikprofessor, für den Sprache Beruf und Leidenschaft war. Ausgerechnet ihm kommt das Gehör mehr und mehr abhanden. Lodge schildert die alltäglichen Hindernisse, denen Schwerhörige täglich begegen: Hörgeräte, deren Battarien im ungünstigsten Augenblick leer sind, Empfänge, in denen Stimmengewirr alles verschluckt, und die mühsame Kunst des Lippenlesens. Sehr einfühlsam beschreibt er die schleichende Isolation, wenn man lieber höflich nickt, als zum dritten Mal nachzufragen.
Desmonds Frau Winifred, genannt Fred, ist jünger, beruflich erfolgreich und begegnet seiner Schwerhörigkeit mit einer Mischung aus Zuneigung und wachsender Ungeduld. Sein verwitweter Vater Harry, ein früherer Tanzmusiker, lebt eigensinnig allein in London, hört ebenfalls schlecht. In ihm sieht der Protagonist Desmond wie in einem Spiegel seine eigene Zukunft. Bis Alex Loom auftaucht, eine junge amerikanische Doktorandin, die sein geordnetes Leben gehörig durcheinanderbringt.
Neben viel Witz hat der Roman auch nachdenkliche, berührende Seiten, die weit über das Thema Hören hinausreichen. Wer selbst mit Schwerhörigkeit lebt oder einen schwerhörigen Menschen begleitet, findet ein ehrliches, humorvolles und überraschend tröstliches Buch darüber, wie eng Hören und Zusammengehörigkeit miteinander verbunden sind.
350 Seiten
2008 im Karl-Blessin-Verlag (gebunden), ISBN 978-3-896-67396-1
2010 im Heyne Verlag (Taschenbuch), ISBN 978-3-453-40774-9
Beide nur noch in Bibliotheken oder antiquarisch zu erwerben.
(ado)