Beate Gärtner, Schwerhörigenseelsorgerin
Neulich war ich mal wieder bei meinem Hals-Nasen-Ohren-Arzt. „Gehen Sie doch noch kurz ins Wartezimmer“, bat mich die Sprechstundenhilfe, und genau das tat ich. Ich setze mich. Direkt mir gegenüber saßen zwei weitere Personen. Die unterhielten sich. Aber sie unterhielten sich nicht leise. Die eine Person sprach mit normaler Stimme. Die andere Person antworte erst mit normaler Stimme, und dann wiederholte sie das jeweils Gesagte deutlich lauter. Und ein oder zwei Mal wiederholte sie es sogar ein drittes Mal und schrie dabei fast. Deshalb konnte ich auch ziemlich alles hören und verstehen, was dort gesprochen wurde. Und bekam folgendes mit: Die eine Person, ein etwa 85jähriger Mann, konnte so gut wie nichts mehr hören. Und das, obwohl er in beiden Ohren Hörgeräte trug. Die andere Person, offensichtlich die Tochter des Mannes, hatte ihren Vater nach langem Zureden dazu gebracht, mit ihr zum Ohrenarzt zu gehen. Der sollte nun überprüfen, was mit den Ohren oder aber den Hörgeräten los ist. Der alte Mann vermutete nämlich, dass er neue Hörgeräte bräuchte. Die beiden wurden aufgerufen und verließen das Wartezimmer. Und kurze Zeit später wurde ich auch aufgerufen. Ich ging in den Untersuchungsraum und setzte mich auf den Untersuchungsstuhl. Der Ohrenarzt fordert mich auf, meine Hörgeräte aus den Ohren zu nehmen, was ich tat. Dann drehte er den Stuhl nach links, guckte in mein rechtes Ohr, drehte den Stuhl nach rechts, guckte in mein linkes Ohr, und sagte: „Es ist alles frei, und Sie haben auch keinerlei Ohrenschmalz in Ihren Ohren“. Ich wollte mir gerade die Hörgeräte wieder in die Ohren stecken, da sagte er zu mir: Lassen Sie mal. Ich mache das für Sie“. Dann griff er die Hörgeräte, nahm sie kurz in Augenschein, nickte zufrieden und steckte sie mir in die Ohren. Schließlich schickte er mich weiter zum Hörtest. Mit einem kleinen Umweg über das Wartezimmer. Da traf ich wieder auf den alten Mann und seine Tochter, und konnte gerade noch hören, wie die zu ihrem Vater sagte: „Das war es also! Du hattest Ohrenschmalz in den Ohren. Und deine Hörgeräte waren auch total verstopft!“ Dann fragte sie ihn: „Hörst du denn jetzt besser?“ Er nickte erst zustimmend, und dann entfuhr ihm ein Satz: „Gut, dass wir hierhergekommen sind!“ Die beiden zogen sich an und verließen den Raum. Und ich dachte: ‚Sieh‘ mal einer an. Deshalb hat der Arzt nicht nur in meine Ohren geguckt, sondern auch meine Hörgeräte begutachtet! Weil sich Probleme manchmal viel einfacher lösen lassen, als man denkt!‘ Dann dachte ich noch: ‚Gut, dass die Tochter ihren Vater vom Ohrenarztbesuch überzeugen konnte!‘. Aber da ging ich schon hinter der Sprechstundenhilfe hinterher zu meinem Hörtest.
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