Vom Leben getrieben, zu Tode erschöpft, vom Säuseln berührt – Elia 2014

Der Blick über Sanddünen zum Meer bei Sonnenaufgang, ruhige Wüstenlandschaft.
Er aber ging hin in die Wüste...

1. Könige 19, 4 – 16

Er aber ging hin in die Wüste eine Tagereise und kam hinein und setzte sich unter einen Wacholder und bat, daß seine Seele stürbe, und sprach: Es ist genug, so nimm nun, HERR, meine Seele; ich bin nicht besser denn meine Väter. Und er legte sich und schlief unter dem Wacholder. Und siehe, ein Engel rührte ihn an und sprach zu ihm: Steh auf und iß! Und er sah sich um, und siehe, zu seinen Häupten lag ein geröstetes Brot und eine Kanne mit Wasser. Und da er gegessen und getrunken hatte, legte er sich wieder schlafen. Und der Engel des HERRN kam zum andernmal wieder und rührte ihn an und sprach: Steh auf und iß! denn du hast einen großen Weg vor dir.Er stand auf und aß und trank und ging durch die Kraft derselben Speise vierzig Tage und vierzig Nächte bis an den Berg Gottes Horeb und kam daselbst in eine Höhle und blieb daselbst über Nacht. Und siehe, das Wort des HERRN kam zu ihm und sprach zu ihm: Was machst du hier, Elia?Er sprach: Ich habe geeifert um den HERRN, den Gott Zebaoth; denn die Kinder Israel haben deinen Bund verlassen und deine Altäre zerbrochen und deine Propheten mit dem Schwert erwürgt, und ich bin allein übriggeblieben, und sie stehen darnach, daß sie mir mein Leben nehmen.Er sprach: Gehe heraus und tritt auf den Berg vor den HERRN! Und siehe, der HERR ging vorüber und ein großer, starker Wind, der die Berge zerriß und die Felsen zerbrach, vor dem HERRN her; der HERR war aber nicht im Winde. Nach dem Winde aber kam ein Erdbeben; aber der HERR war nicht im Erdbeben.Und nach dem Erdbeben kam ein Feuer; aber der HERR war nicht im Feuer. Und nach dem Feuer kam ein sanftes Säuseln.Da das Elia vernahm, verhüllte er sein Antlitz mit seinem Mantel und ging heraus und trat in die Tür der Höhle. Und siehe, da kam eine Stimme zu ihm und sprach: Was hast du hier zu tun, Elia? Er sprach: Ich habe um den HERRN, den Gott Zebaoth, geeifert; denn die Kinder Israel haben deinen Bund verlassen, deine Altäre zerbrochen, deine Propheten mit dem Schwert erwürgt, und ich bin allein übriggeblieben, und sie stehen darnach, daß sie mir das Leben nehmen.Aber der HERR sprach zu ihm: Gehe wiederum deines Weges durch die Wüste gen Damaskus und gehe hinein und salbe Hasael zum König über Syrien,und Jehu, den Sohn Nimsis, zum König über Israel, und Elisa, den Sohn Saphats, von Abel-Mehola, zum Propheten an deiner Statt.

Mehr oder weniger kennen wir es alle: Das Gefühl, vieles, wenn nicht alles gegeben zu haben und dennoch nicht am Ende des Pensums zu sein; am Ende der Kräfte allerdings schon. Ich schaue mir dann oftmals mein Tag- oder auch Wochenwerk an und denke: Ach hier hättest du noch eine Schippe nachlegen können, dort im Interesse der Sache noch eine Umdrehung mehr ansetzen können, und wäre es vielleicht nicht auch noch möglich, dies und das eben mal noch schnell zum Abschluss, zumindest aber zu einem vorzeigbaren Zwischenergebnis zu bringen? Und während ich den inneren Kalender nochmals aufmache und gucke, was noch geht, merke ich plötzlich, dass der kleine Mann im Ohr beginnt, mich auszupfeifen. Ich spüre die Trägheit im Nacken, die verkrampften Schultern. Die Anzeichen, die mich in eine ganz andere Bilanz zwingen. Wann und wo habe ich diese Woche mal wieder an der Achtsamkeit mir selbst gegenüber geschlampert. Hab ich in der Sitzung neulich irgendwas nicht oder falsch verstanden, wenn ich bis eben noch damit beschäftigt war, das ein oder andere per E-Mail klären zu müssen, oder ein Missverständnis nach wie vor nicht aus dem Weg geräumt ist? Und dann beginnt diese eigenartige Gefühlsachterbahn von mir Besitz zu ergreifen. Einerseits will ich meine Sachen so erledigen, dass es allen anderen und mir dabei gut geht – oder doch vielleicht eher allen anderen? Andererseits sehne ich mich nach Entspannung und „erfolgsbefreiter“ Betätigung. Vorzugsweise an frischer Luft und die rechte Hand am Gashahn des Motorrades. Also doch wieder Tempo, die tatsächliche Erholung kann später kommen. Und schließlich gibt’s ja noch das ein oder andere in Haus, Hof und Garten zu tun. Sehr wohl wissend, dass ein erfülltes Leben, also tragfähige Beziehungen, ein versöhnliches Verhältnis zu meinen körperlichen und geistigen Kräften und ein sicheres Gefühl für meine Mitte, das Ergebnis einer Ausgewogenheit zwischen Anspannung und Entspannung ist, entdecke ich an mir eine ziemlich hohe Toleranz gegenüber Anzeichen, die in Richtung „burnout“ weisen: Erschöpfung, Antriebslosigkeit und depressive Episoden. Und spätestens an dem Punkt wird’s eng. Meine – vermeintliche – Souveränität ist aufgebraucht, ich brauche Orientierung, die ich nicht mehr aus eigenen Kräften erreichen kann. Ich suche nach der Vergewisserung, dass ich auch am Ende meiner Kräfte und ohne klare Perspektiven ein von Gott geliebtes und gebrauchtes Geschöpf bin.

3000 Jahre zurückgeblickt. Der Prophet Elia ist auf der Flucht und auf der Suche. Kapitel 19 im ersten Buch der Könige nimmt uns mit auf diese Suche. Elia war ein eifriger Prophet. Viele sagen, er habe das Volk Israel vor dem Irrglauben an Baal von Tyrus gerettet. Ich finde, er war ein sehr, sehr, wenn nicht übereifriger Prophet. Sein Eifer für Jahwe hat dem Volk Israel immerhin eine drei Jahre währende Dürre mit katastrophalen Folgen beschert und mindestens 450 Baalpriestern das Leben gekostet. Folgen eines religiösen Eifers, der auf dem Hintergrund des aktuellen Fanatismus im nahen und mittleren Osten ein sehr anschauliches Bild zeichnet. Mit dem Ergebnis, dass er perspektivisch zwar das Volk Israel wieder hinter Jahwe bringt, aber – und das ist das Schicksal des Propheten – nicht hinter sich. Und so begibt er sich abgekämpft, müde, verfolgt und deutlich depressiv auf die Suche nach Orientierung. Auf die Suche nach Gott. Und es wird eine lange, strapaziöse Suche, die er nur durchhält, weil Gott seine Suche unterstützt. Im Grunde ist Gott schon immer bei ihm, aber Elia hat in seiner Situation dafür keinen Blick. Verständlicherweise. Nach vierzig Tagen Wüstenwanderung erreicht Elia den Berg Horeb und begibt sich in eine dunkle, schützende Höhle. In er Hoffnung, Gott möge sich ihm dort zeigen. Und es geschieht. Allerdings in einer dermaßen überraschenden Art und Weise, die Jahwe als einen nachgerade humorvollen, pädagogisch und psychologisch geschickten, Ressourcen orientiert handelnden und noch dazu gütigen Gott offenbart. Nicht im verheerenden Sturm, weder in einem gewaltigen Erdbeben, noch in einer Feuersbrunst erscheint er. Dabei hätten alle drei machtvollen Demonstrationen Elias Strickmuster aus dessen Sicht wahrscheinlich am ehesten entsprochen. Nein, es ist ein „sanftes Säuseln“ in dem Elia Gott schließlich erkennt. Eine ganz zarte Berührung veranlasst Elia, die Höhle zu verlassen, vom Dunkeln ins Licht zu treten. Für Depressive ein entscheidender Schritt! Und es begegnet ihm nicht ein polternder Gott, der ihm Vorhaltungen macht, der empört ist, sondern einer der eindrucksvoll demonstriert, das er anders handelt als erwartet und selbst im leichten Hauch machtvoll ist. Und dann diese genial einfache, freundliche Frage „Was machst du hier, Elia?“. Wie klug, einen erschöpften, ziel- und planlosen Menschen dazu zu bewegen, in sich zu gehen, zu reflektieren und zur Ruhe zu kommen. Keine Berichterstattung, keine Rechtfertigung , keine Anforderung. Gott hilft Elia, zu sich selbst zu kommen und zu spüren, dass er nicht verlassen ist. In aller Ruhe.
Und erst nachdem sich Gott in dieser überraschenden Weise gezeigt hat, hält er die Zeit – und Elia – für reif für einen neuen Auftrag, an dessen Ende die Entpflichtung Elias steht.

Mich berührt diese Geschichte sehr und ist für mich von großer Symbolkraft: nicht hundert oder nach Möglichkeit noch mehr Prozent Leistung, nicht die Megaevents führen zwangsläufig und ausschließlich zum Ziel. Nicht die, die die lautesten Töne spucken oder die tollsten Aktionen abziehen, sind die wahren und einzigen Macher. Es scheinen mir diejenigen nahe bei Gott und somit nahe bei den Menschen zu sein, die sich zurücknehmen, die in sich hören und achtsam mit sich und anderen sein können. Und ich bin mir sicher, dass wir Gottes sanftes Säuseln selbst mit abgeschalteten Hörgeräten wahrnehmen können.

Amen.

Hans-Gunter Seifert

Bildnachweise

© Thomas Wilhelmi 

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In der kommenden Woche – und dann jeden 1. Mittwoch im Monat – starten wir unser Online-Format ‘SeelsOHRge LIVE’ – mehr als nur gut hören.
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