Beate Gärtner, Schwerhörigenseelsorgerin
Wisst ihr, was ein ‚Audimax‘ ist? Wenn ich in meinem Gedächtnis krame und dort die Reste meiner Lateinkenntnisse hervorhole, dann lese ich zwei Worte. Nämlich das Wort ‚audi‘ und das Wort ‚max‘. Und hier können zumindest die Älteren von euch jetzt in ihrem Gedächtnis mitkramen: AUDI, das ist doch diese deutsche Automarke! Und ihr wisst es jetzt schon: die Automarke hieß in früheren Zeiten HORCH, also ‚höre‘. Und ‚max‘ könnt ihr euch alle selbst erschließen, oder? Steht auf jedem Wasserkocher, wenn es darum geht, wieviel Wasser man maximal einfüllen darf.
‚Audimax‘ muss also ‚maximales Hören‘ heißen … Tut es aber natürlich nicht! Sondern bezeichnet als Kurzform von ‚Auditorium Maximum‘ den größten Hörsaal einer Universität. Und da ist für Hörgeschädigte ein maximales Hören eben leider meist nicht möglich. Ich verbessere mich: war meist nicht möglich. Damit entführe ich euch nach Erlangen und in das Jahr 1984, genauer in das Audimax der Universität Erlangen und auf den 17. Juni, den früheren ‚Tag der Deutschen Einheit‘. Und ich entführe euch in das ‚Ich‘ der Person, die mir die Geschichte hinter dieser Geschichte ‚schenkte‘: Es ist Herbert Hirschfelder, ein Wolf Biermann begeisterter Hörgeschädigter. Aber nun lasse ich diese Person einfach selbst zu Wort kommen:
„Biermanns Texte kannte ich bereits seit Anfang der 1970er Jahre und war von ihnen beeindruckt, wenn es darin gegen den Krieg ging. Sätze wie „Es sind nicht die Ketten, es sind nicht die Bomben – es ist ja der Mensch, der den Menschen bedroht“, haben sich bei mir eingeprägt. Auch die Geschichten von seiner Oma Meume in Balladenform sind mir gut im Gedächtnis geblieben. Gehört hatte ich ihn allerdings noch nicht. Einer Schallplatte konnte ich mit meinen damaligen Hörgeräten trotz Inhaltsverzeichnis nicht folgen. Inzwischen waren die Hörgeräte besser geworden, so dass ich mich entschloss, sein Konzert im Audimax … zu besuchen. Begleitet hat mich ein Freund … Wir kamen zwar vor dem Beginn der Veranstaltung an, aber der große Saal war schon fast voll mit Besuchern, so dass wir nur einen Platz in den oberen Rängen einnehmen konnten, etliche Meter von der Bühne entfernt. Zunächst waren ältere Lieder im Programm, die mir bekannt waren. Da war die Entfernung kein Problem, ich kannte den Text ja bereits. Dann gab es neuere Lieder mit mir noch nicht bekanntem Text, und das war wieder einmal frustrierend: verstehen wollen, aber nicht verstehen können. Daher fasste ich mir ein Herz und ging in der Halbzeitpause hinter die Bühne zu Wolf Biermann in einen kleinen Nebenraum. Ich erklärte ihm mein Problem und fragte, ob er mir Texte der neueren Lieder zum Mitlesen geben könne. Er fragte, warum ich nicht weiter vorne säße? „Weil die Plätze vorne alle belegt sind!“ Worauf er mir einen der Stühle des Nebenraums in die Hände drückte und meinte, damit müsse es doch gehen? Und so ging es tatsächlich, mit dem Extra-Stuhl ganz in der Nähe der Bühne verstand ich von den nun folgenden Texten fast alles. …
Fazit: Es lohnt, als Hörbehinderter seine Bedürfnisse zu äußern, besonders wenn die Hilfe dann ebenso unerwartet unkonventionell wie hilfreich ist.“
Zurück ins Hier und Heute. Mein erster Gedanke. Wie schön, dass Wolf Biermann so ist, wie er ist! Und damit einem Hörgeschädigtem zu maximalem Hören verholfen hat. Mein zweiter: Ich bin dennoch froh, dass es heute für uns Hörgeschädigte viele technische Möglichkeiten für maximales Hören gibt – sogar in einem Audimax!
Und ein dritter: Als Hörbehinderte meine Bedürfnisse zu äußern, lohnt sich auch heute noch!
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Bildnachweise
ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Fotograf: Comet Photo AG (Zürich) / Com_LC1500-0855-005 / CC BY-SA 4.0