Schwerhörige Menschen haben es nicht leicht. Allein das akustische Verstehen braucht sehr viel Konzentration und Frustrationstoleranz. Viele anderen Dinge bleiben dann auf der Strecke, wenn die Energie nicht mehr für den ganzen Tag ausreicht. Sie müssen daher entscheiden: was ist unverzichtbar und was weniger wichtig. Wo kann ich mich noch engagieren und wo ziehe ich mich zurück.
Schwerhörige Menschen haben grundsätzlich mit 2 Problemkreisen zu kämpfen:
- Ihrer individuellen Hörstörung, die bei jedem und jeder anders ist
- Mit einem eingeschränkten, bis nicht mehr vorhandenem Richtungshören
Die individuelle Hörstörung
Der allergrößte Teil der schwerhörigen Menschen haben eine Schallempfindungsschwerhörigkeit. Die Sinneszellen im Innenohr (Hörhaarzellen) funktionieren hier z.T. nicht mehr. Das bedeutet, dass bestimmte Tonhöhen ausfallen, während andere ganz normal zu hören sind. Der Höreindruck ist insgesamt dadurch verzerrt. Manche Worte werden problemlos verstanden, andere können erahnt werden und wieder andere sind nur aus dem Zusammenhang erschließbar, wenn überhaupt. Lauter zu sprechen hilft in diesem Prozess nichts. Im Gegenteil: In aller Regel sind schwerhörige Menschen sogar lärmempfindlicher als guthörende. Sie können zu laute oder zu leise Geräusche nicht mehr ausgleichen.
Hörgeräte helfen hierbei, indem sie die Frequenzen, die nicht mehr gehört werden können, soweit das noch möglich ist, verstärken. Das Verstehen verbessert sich damit in aller Regel deutlich. Doch nicht alle Hörhaarzellen lassen sich damit stimulieren, es bleibt immer auch eine (mehr oder weniger große) Einschränkung des Verstehens bestehen. Auch wenn moderne Hörgeräte heute sehr leistungsfähig sind und viele Möglichkeiten bieten, guthörend wird damit niemand. Daher sind schwerhörige Menschen immer auch auf andere Hilfen angewiesen.
Mundabsehen
Ca. 30% der Buchstaben lassen sich vom Mund absehen. Besonders begabte Menschen schaffen sogar noch mehr. Aber auch, wenn ein Drittel jetzt nicht viel erscheint, in Kombination mit dem noch Verstandenen können so Zusammenhänge deutlich werden, die helfen, den Rest des Satzes zu kombinieren. Mundabsehen lernen wir schon als Säuglinge, auch Guthörende schauen beim Sprechen in der Regel auf den Mund des Gegenübers. Wird jemand schwerhörig, dann wird das Mundabsehen weiter trainiert, meist ohne dass es der schwerhörige Mensch selbst merkt.
Daher ist es notwendig, schwerhörige Menschen immer direkt anzusehen. Dabei sollte der Mund des Sprechenden gut sichtbar sein. Also, weder bedeckt noch durch Gegenlicht verdunkelt. Auch sollte auf eine gute Beleuchtung des Mundes geachtet werden. „Mach das Licht an, ich höre nichts mehr“.
Langsam und deutlich sprechen
Damit der schwerhörige Mensch Zeit genug hat, die nicht verstandenen Worte und Inhalte zu rekonstruieren, ist ein langsames und deutliches Sprechen notwendig. Auch Pausen zwischen den Sätzen sind hilfreich. Keine Themenwechsel ohne Ankündigung: Ein schwerhöriger Mensch wird bei plötzlichen Themenwechseln erst einmal völlig aus der Bahn geworfen, weil er oft den Themenwechsel nicht mitbekommt und daher nicht mehr weiß, wovon die Rede ist. Daher sind Überleitungen notwendig oder auch die einfache Ankündigung „ich sage das nochmal anders“, „ich mache da mal ein Beispiel“ und ähnliches.
Keine (seltenen) Fremdwörter (nach Möglichkeit) verwenden
Ein schwerhöriger Mensch muss Worte, die er nicht verstanden hat, kombinieren. Aus dem Zusammenhang sucht er Worte, die zum Thema passen. Zunächst die naheliegenden, dann die, die etwas seltener sind und erst ganz zuletzt Worte, die wenig gebräuchlich sind. Das heißt, auch wenn er durchaus in der Lage ist, Fremdwörter zu verstehen, wenn er sie liest, braucht es immer sehr viel kostbare Zeit, bis er sie beim hören identifiziert hat. Zeit, in der das Gegenüber weiterredet und er u.U. den Anschluss verpasst.
Eine ruhige Umgebung aufsuchen
Zusätzliche Geräusche erschweren das Verstehen. Eine ruhige Ecke oder ein ruhiges Zimmer machen das Verstehen leichter.