Man geht davon aus, dass etwa 20% der Bevölkerung in Deutschland schwerhörig sind. Davon sind:
- weniger als 1% seit der Kindheit schwerhörig
- ca. 40% haben die Schwerhörigkeit im Erwerbstätigen-Alter erworben
- ca. 60% sind erst im Rentenalter als schwerhörig diagnostiziert worden
Diese Aufstellung zeigt, dass ältere Menschen bei Schwerhörigkeit die größte Gruppe darstellen: ca. 80% der Schwerhörigen befinden sich im Rentenalter (ca. 20% waren es schon vorher, 60% sind erst im Rentenalter diagnostiziert worden).
Für die Akzeptanz von Schwerhörigkeit und erst recht von Höranlagen macht es einen großen Unterschied, wann im Leben ein Mensch schwerhörig geworden ist oder als solcher diagnostiziert wurde.
Gruppe 1: Die seit der Kindheit schwerhörigen Menschen
Sie sind die kleinste Gruppe (weniger als 1% der Schwerhörigen), aber die aktivste, und sie sind diejenigen, die deutlich als schwerhörig in Erscheinung treten. Für sie ist Schwerhörigkeit normal. Sie waren meist nie guthörend. Bis auf die Zeit der Pubertät ist für sie das Tragen eines Hörgerätes selbstverständlich und sie verstecken daher ihre Schwerhörigkeit auch gar nicht. Oft sind sie (oder waren sie) in Schwerhörigen-Vereinen, waren oft auf der Schwerhörigen-Schule und sind daher vernetzt. Oft sind auch die Ehepartner*in und die Freund*innen schwerhörig. Sie bewegen sich in 2 Welten, der schwerhörigen und der guthörenden.
Mit Technik haben sie seit ihrer Kindheit zu tun und sehen sie meist sehr positiv, manchmal auch unkritisch. Ein Smartphone/ Handy ist (fast) selbstverständlich, weil sie über SMS oder WhatsApp kommunizieren können, ohne hören zu müssen.
Gruppe 2: Menschen, die im Erwerbstätigenalter schwerhörig wurden
Für sie ist ihr Leben oft eingeteilt in ein Vorher und ein Nachher, z.B. durch Hörsturz, Unfall etc. Vorher, das ist das selbstverständliche Hören, das Leben in der guthörenden Welt. Nachher, das ist die Katastrophe, die einhergeht mit Verlust des (selbstverständlichen) Hörens, mit Lebenskrisen wie Zukunftsangst, Verzweiflung, evtl. Wechsel der Arbeitsstelle, manchmal Suizidgedanken und Trennung von Ehepartnern oder Freundeskreis. Dennoch liegt das Leben noch vor ihnen, sie müssen sich mit der Schwerhörigkeit früher oder später arrangieren, denn Familie, Alltag, Berufstätigkeit, gehen ja weiter. Hörsysteme (Hörgerät, Cochlea Implantat) werden angeschafft und meist auch getragen. Weitere persönliche Technik, wie externes Mikrofon oder spezielles Telefon wird für die Berufstätigkeit gebraucht und macht die Schwerhörigkeit in diesem Bereich sichtbar.
Neue Technologien stellen für diese Gruppe oft die Verheißung dar, dass es besser wird, dass sie wieder (annähernd) guthörend werden können. Die Affinität zur Technik, zur Smartphone-Nutzung oder wie stark der schwerhörige Mensch die Schwerhörigkeit zeigt, das hängt hier aber auch sehr stark davon ab, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt, sowie um Art der Berufstätigkeit. Diese Gruppe ist in der Akzeptanz und Nutzung von Technik sehr divers.
Gruppe 3: die im Rentenalter schwerhörig gewordenen
In dieser Gruppe sind Menschen in der Regel schon lange schwerhörig, bevor das erste Hörgerät angeschafft wird. Die Schwerhörigkeit stellt sich schleichend ein und wird oft eher vom Umfeld, als von den Betroffenen selber bemerkt. Ahnen sie, dass sie schwerhörig sind, wird dies vor sich selbst und vor anderen versteckt. Man fürchtet, für alt und dement gehalten zu werden. Typisch für diese Gruppe ist, dass sie sich selbst zurückziehen. Situationen, in denen sie schlecht verstehen (die für sie anstrengend und emotional schwer verkraftbar sind) werden gemieden. Durch zunehmende Isolierung und Einsamkeit kommt es vermehrt zu Depressionen und suizidalen Gedanken und Handlungen. Ihr Thema ist die Resignation. Schwerhörigkeit reiht sich ein in eine Gruppe anderer Verluste gesundheitlicher Art und wird als ein (weiterer) Beleg dafür gesehen, dass das Leben seinem Ende zugeht. Viele von ihnen bleiben in der Trauerphase über den Hörverlust stecken. Schwerhörigkeit wird oft sogar bis zuletzt verdrängt.
Ihr Verhältnis zur Technik ist oft mit Angst besetzt. Das Smartphone oder Handy, das nur ein Teil von ihnen nutzt, ist selten auf dem neuesten Stand, sondern das abgelegte der Enkelkinder. Wenn überhaupt, nutzen sie es als Notfalltelefon, zum Telefonieren oder die (vom Enkel installierte) WhatsApp-Funktion. In höherem Alter kommen dann zudem noch mangelnde Fingerfertigkeit, schlechtes Sehen und allgemeine Gebrechlichkeit dazu.
Was dies für die Akzeptanz von Höranlagen bedeutet
Schätzungsweise mehr als 2/3 der Schwerhörigen ist nicht technikaffin. Zudem schämen sie sich für ihre Schwerhörigkeit und lehnen daher alles ab, was sie als schwerhörig kennzeichnen würde. Daher sind weder digitale Anlagen, noch solche, wo ein Empfänger ausgeliehen und offen getragen werden muss, für sie geeignet. Das Umstellen des Hörgerätes auf die T-Stellung, wenn ihnen dies einmal gezeigt worden ist, aber bekommen die meisten hin. Haben sie einmal induktiv gehört, bleiben sie in der Regel dabei.
Fazit
Die Basistechnik muss niederschwellig und barrierefrei sein. Der schwerhörige Mensch darf nicht dazu gezwungen werden, sich zu outen, etwas auszuleihen oder eine andere Technik als das Hörgerät zu benutzen. Diese Kriterien erfüllt zurzeit noch immer nur die Induktive Höranlage, die zudem sogar auch noch die kostengünstigste Variante ist.
Wird zusätzlich noch eine andere Technik angeboten, die vielleicht manche Frühschwerhörigen favorisieren, so ist dies für sie eine gute Möglichkeit. Für die überwiegende Mehrzahl der Schwerhörigen aber ist dies keine Option!